Weinreise im Seniorenstift für Menschen mit Demenz

Eine Weinprobe für Menschen mit Demenz? Im Seniorenstift? In diesen Zeiten? Und ob das geht! Einfach, weil im Haus Berge in Essen-Borbeck nichts unmöglich ist. Ich hatte das große Vergnügen, mich mit Bewohnern des Hauses auf eine Weinreise durch Frankreich zu begeben.

Machbar wurde diese besondere Veranstaltung, weil sie kontaktlos über die Bühne gehen konnte. Mit ganz viel Freiraum. Ich stand im großen, geschützten Garten des Stifts, der für die Bewohner mit starkem Bewegungsdrang ein Stück Lebensqualität bietet. Senioren der Wohnbereiche „Glück Auf“ und Lili Marleen“ saßen in den Gemeinschaftsräumen in der ersten und zweiten Etage und prosteten mir von drinnen durch die großen geöffneten Fenster zu. Mitarbeiter des Hauses schenkten Ihnen reinen Wein ein. Und ich stellte auf dem Rasen 3 Weine vor von  Jacques‘ Wein-Depot – einen spritzig-frischen Sauvignon Blanc aus der Gascogne im Südwesten Frankreichs, einen Rosé aus der Gegend um Bordeaux und einen sanften, vollmundigen Rotwein aus dem Süden, dem Languedoc.

Beim Verkosten erinnerten sich die älteren Damen und Herren auch an frühere eigene Weinreisen an Rhein oder Mosel und auch nach Frankreich. Das war ein wunderbares Schwelgen und Schunkeln. Denn für die Weinreise hatte ich Musik im Gepäck. Mireille Mathieu trällerte „Hinter den Kulissen von Paris“ und Bill Ramsey besang „Pigalle, die große Mausefalle mitten in Paris“.
Ein wunderbarer Nachmittag, der zum einzigartigen Konzept von Haus Berge passt. Die dementen Bewohner „leben und erleben“ hier „ihre eigene Realität“. Ohne Bevormundung und mit größtmöglicher Freiheit.

Rosé im Regen

Auf der Internetseite der Einrichtung, die zur Contilia GmbH gehört, steht: „Wo Bewohner die Fähigkeit haben zu entscheiden, überlassen wir ihnen die Entscheidung. Wenn sie Marmelade auf die Bratwurst streichen, irritiert uns das nicht. Auch dem Pantoffel im Kühlschrank begegnen wir mit Gelassenheit, schließlich leben unsere Bewohner viel zufriedener, wenn wir ihr Verhalten akzeptieren.“
Diese Einstellung bietet viel Raum für Lebensqualität. Und eben auch für eine Weinprobe. Bei der nur eins nicht so recht passte: das Wetter. Pünktlich zum Beginn der Veranstaltung begann es wolkenbruchartig zu regnen. Mein Rosé im Glas verwandelte sich binnen weniger Minuten in eine Weinschorle. Egal, eine Termin-Verschiebung kam für uns nicht in Frage.

„Non, je ne regrette rien“

Die Weinreise durch Frankreich endete mit einem Chanson von Edith Piaf. „Non, je ne regrette rien“. Nein, ich bereue nichts… Selig lächelnd lauschten die Bewohner und nippten am Weinglas. Das sind unvergessliche Momente.

Großen Dank an Einrichtungsleiter Michael Schüten, Ira Neumann, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Soziales, sowie an die weiteren Mitarbeiter von Haus Berge, die diese Weinprobe ermöglichten. Ich danke außerdem Pascal Hesse fürs Fotografieren und Sebastian Müller für die Musikauswahl.

Lust auf Weinreisen in Senioren-Einrichtungen? Nehmen Sie gerne Kontakt zu Weinbegleiter Ruhr auf.

Ostern 2021 – ganz fluffig und süß

Ostern 2021 – mal ganz fluffig und süß. Eventköchin Elly von Elly’s Island hat für Wein & Speise ein klassisches Rezept aus dem Münsterland ausgesucht, wo sie mit ihrer Familie zuhause ist. Struwen heißt der Hefepfannkuchen mit Apfelkompott. „Das kommt traditionell am Karfreitag hier auf den Tisch, statt Fisch.“ Kurz vor Ostern 2021 erzählt Elly die Geschichte dazu: „Da Karfreitag ja noch Fastenzeit ist, wurde auf den Bauernhöfen etwas Kräftiges mit viel Fett gebacken, damit die Bauern und Knechte Kraft für ihre Arbeit hatten. Das Wort kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet sowas wie strubbelig. Ich mag ihn am liebsten ohne Sultaninen/Rosinen, aber mit Kompott, das mit Weißwein abgelöscht wird. Das ist dann zwar kein Fastenessen mehr – aber egal.“ Und schmeckt nicht nur am Karfreitag.

Süße Sünde

Das Rezept mit präsenter Süße verlangt auch einen Süßwein als Begleiter. Hier wende ich bei der Auswahl eine alte Regel an: Der Wein sollte mindestens so intensiv süß sein wie die Speise. Denn wenn das Essen süßer auftrumpfen würde als der Wein, verwandelt sich der gute Tropfen schlimmstenfalls in eine fade, dünne Plörre und die Säure tritt unangenehm in den Vordergrund. Aber das wollen wir ja nicht.

Ich empfehle zum süßen Struwen, wie Elly ihn zubereitet, einen edlen Dessertwein, einen Sauternes aus Bordeaux. Die Cuvée aus den Rebsorten Sémillon, Sauvignon Blanc und Muscadelle vom Château du Levent betört mit Aromen, die an Orange, Honig, Karamell und Buttercreme erinnern. Schon die satte goldgelbe Farbe im Glas ist ein Augenschmaus. Mit 13,5 Volumenprozent Alkohol ist der Sauternes ein feiner Begleiter des Struwens.
Werden Weine aus dem eigenen Land bevorzugt, kann das die Stunde von Prädikatsweinen sein, zum Beispiel einer Beerenauslese oder Trockenbeerenauslese. Diese werden oftmals nicht ganz so alkoholstark ausgebaut.

Wer nicht so ein Süßmaul ist, kann die Zuckermenge im Struwen natürlich auch reduzieren, meint Elly. Dazu reiche ich dann eine halbtrockene Riesling-Spätlese von der Mosel – fein fruchtig-aromatisch. Oder einen knackigen, gehaltvollen Müller-Thurgau aus Südtirol.

Los geht das große Schlemmen!

Struwen
200 ml Milch
¼ Würfel Frischhefe
30 g Zucker, 250 g Mehl Type 550
Salz, 2 Eier
100 g Rosinen

Apfelkompott:
1 Bio-Zitrone
30 g Zucker
600 g säuerliche Äpfel, 50 ml Apfelsaft
1 Zimtstange
Butterschmalz zum Braten
2 EL Zucker, ½ TL Zimt

Für die Struwen die Milch lauwarm erwärmen und die Hefe hineinbröseln. Zucker hinzufügen und alles verrühren, bis Hefe und Zucker sich aufgelöst haben. 10 Minuten stehenlassen, bis die Hefe beginnt, Blasen zu schlagen. Mehl, eine Prise Salz, Eier und Sultaninen in eine Rührschüssel füllen. Hefemilch hinzufügen und mit den Quirlen des Handrührgeräts zu einem dickflüssigen Teig verrühren. Abgedeckt an einem warmen Ort eine Stunde gehen lassen.

Gedünstete Äpfel

In der Zwischenzeit für das Apfelkompott die Zitrone heiß abspülen, abtrocknen, zwei Streifen Zitronenschale abschälen und den Saft auspressen. Die Äpfel schälen und das Kerngehäuse entfernen. Fruchtfleisch in Würfel schneiden und mit dem Zitronensaft mischen. Den Zucker in einem Topf bei mittlerer Hitze schmelzen und goldbraun karamellisieren lassen. Mit dem Apfelsaft ablöschen. Apfelstücke mit Saft, Zitronenschale und die Zimtstange hinzufügen und bei mittlerer Hitze und geschlossenem Topfdeckel dünsten, bis die Äpfel zerfallen, aber noch stückig sind. Dabei regelmäßig umrühren. Apfelmus vom Herd nehmen, Zitronenschale und Zimtstrange entfernen und in eine Schale umfüllen. Bis zum Verzehr beiseitestellen.

In einer Pfanne reichlich Butterschmalz erhitzen. Struwenteig nochmals durchrühren und esslöffelweise in das heiße Fett portionieren. Bei mittlerer Hitze von beiden Seiten goldbraun ausbacken und auf Küchenkrepp abtropfen lassen. Zucker und Zimt mischen. Die Struwen mit der Zuckermischung bestreuen und noch warm mit dem Apfelkompott servieren. Fertig sind die Struwen für Ostern 2021.

Lust auf weitere Beratung zum Thema Wein & Speise? Nehmen Sie Kontakt zu mir auf für individuelle Empfehlungen. Ich freue mich!

Fotos: picabay/CandiceP, HebiB, alexandra

Bordeaux macht Lust auf Sommer

Ein Bordeaux Blanc hat es Daniel Raifura angetan. Der 40-jährige aus Essen-Borbeck holt uns beim Wein des Monats Juni den Sommer ins Glas. Daniel leitet eine Kindernotaufnahme, was Beruf und Berufung gleichermaßen ist. Er ist auch bekannt als Krimi-Autor und Stückeschreiber. Gar nicht gruselig geht’s jetzt hier zu. Daniel empfiehlt einen Gute-Laune-Wein.

Weinbegleiter Ruht: Wie heißt dein derzeitiger Lieblingswein, woher stammt er?
Daniel Raifura:
Das ist ein Bordeaux, ein weißer Bordeaux, Jahrgang 2017, aus dem Hause Baron Philippe de Rothschild. Es ist ein trockener Wein.

Wann und bei welcher Gelegenheit hast du diesen Wein entdeckt?
Daniel Raifura:
Den habe ich beim Einkaufen entdeckt. Das war ein Zufallsfund. Ich schaute mir das Etikett an und dachte: ‚Das klingt ganz gut.‘ Ein weißer Bordeaux, ich kannte bis dahin nur Rotweine aus Bordeaux. Das wollte ich einfach mal ausprobieren.

Warum ist das dein Lieblingswein?
Daniel Raifura:
Ich war total überrascht von dem Wein. Er hat ganz viele Aromen. Also ich bin kein Weinkenner…

…doch, bist du. In dem Moment, in dem du für dich entscheidest: „Schmeckt mir oder schmeckt mir nicht“ bist du dein eigener Weinkenner.

Daniel Raifura: Ja, aber ich bin kein Weinexperte. So. Wenn man die Flasche öffnet und man riecht die verschiedenen Aromen – ein bisschen Aprikose, verschiedene Kräuter. Da bekomme ich einfach Lust, diesen Wein zu trinken. Ich liebe trockene Weine. Er ist aber auch nicht so trocken, dass man denkt: ‚Oh Gott, das ist jetzt unangenehm und brennt.‘ Er ist eben schön fruchtig, leicht und sommerlich.

Begleitet dich ein Wein, den du magst, dann über längere Zeit? Oder probierst du auch gerne andere Tropfen?
Daniel Raifura:
Ich trinke auch andere Weine. Aber wenn ich die Möglichkeit habe und ich gerade in einem Geschäft bin, in dem es diesen Wein gibt, dann nehme ich den natürlich lieber, weil ich weiß, dass er mir gefällt. Da weiß ich einfach, dass ich nichts falsch mache.
Ich schreibe ja auch sehr viel und trinke beim Schreiben gerne mal ein Glas Wein. Und dieser Wein beflügelt mich da so ein bisschen. Der macht einfach gute Laune. Der lenkt mich nicht ab. Der Wein ist so wie ich: relativ leicht und beschwingt.

Foto: privat.

„Wein ist für mich…“ Bitte ergänze den Satz mit 3 Begriffen/Erklärungen, die für dich ganz wesentlich sind.
Daniel Raifura:
Lebensfreude, Lebensenergie, Genuss.

Wie bist du überhaupt auf den Wein gekommen?
Daniel Raifura: Das hat sich irgendwie so entwickelt. Man wird älter und anspruchsvoller und denkt sich: ‚Okay, als Genussmittel möchtest du nicht irgendwas trinken.‘ Ich schaue schon: Finde ich etwas, was zu mir passt.

Welche Weine trinkst du sonst noch gerne?
Daniel Raifura: Im Winter trinke ich zwischendurch auch mal einen Rotwein. Aber eigentlich am liebsten Weißwein. Ich sage natürlich auch zum Champagner nicht nein. Wenn ich ein Buch oder Theaterstück abgeschlossen habe, gibt es einen sehr guten Champagner. Immer gerne einen Moët & Chandon.

Mit wem trinkst du dann den Champagner?
Daniel Raifura:
Mit meinem Mann. Der muss sich das Ganze dann anhören, was ich geschrieben habe, und wenn ich sage: ‚Ja, ich habe es geschafft!‘

Worauf achtest du bei der Weinauswahl? Was ist dir wichtig?
Daniel Raifura:
Der Geschmack. Da gucke ich nicht in erster Linie auf den Preis.

Mit wem trinkst du am liebsten ein Glas Wein zusammen?
Daniel Raifura:
Mit meinem Mann und mit Freunden.

 Mit wem würdest du gerne mal ein Glas Wein zusammen trinken – und warum?
Daniel Raifura:
Auch wenn ich mir jetzt nicht viele Freunde mache: Ich weiß, dass unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne Weißwein trinkt. Mit ihr würde ich gerne mal ein Glas Weißwein trinken. Oder zwei oder drei oder ’ne Flasche oder zwei. Weil sie eine ganz spannende Frau ist und ich ganz viele Fragen an sie hätte zu politischen Themen, aber auch zu privaten und persönlichen Themen. Ich würde gerne wissen: Wie ist dieser Mensch? Den man sonst nur so partiell aus den Medien kennt. Ich glaube, Wein ist sehr gesellig. Da könnte man wahrscheinlich ein bisschen näher zusammenkommen.
Eine Frage wäre zum Beispiel, wie man solch einen Druck aushalten kann, den sie tagtäglich erleben muss. Und wie man damit persönlich umgeht. Ich könnte es nicht und ich glaube, 98, 99 Prozent aller Deutschen auch nicht.
Ich hätte viele, viele Fragen. Es würde eine lange Nacht werden. Ich kann sie ja zu meinem Lieblingswein einladen…

Foto: Michael Doliv

Hin und weg – mit Rotwein

Jessica Dorndorf ist eine Frau, die nicht lange fackelt, sondern Menschen, Aktionen und Dinge in Bewegung bringt. Mit ihrem Projekt „Jessica Dorndorf hilft!“ macht sie sich mit vielen Unterstützern seit Jahren stark für bedürftige Menschen. Im Hauptberuf ist sie Bestatterin im Essener Familienunternehmen. Und wenn das prallgefüllte Tagwerk vollbracht ist, sitzt sie gerne mit ihrem Mann oder Freunden bei einem Glas Wein zusammen. Sie zieht den Korken für Ihren „Wein des Monats“ Oktober 2018, einen Rotwein.

Weinbegleiter Ruhr: Wie heißt dein derzeitiger Lieblingswein, woher stammt er?
Jessica Dorndorf: 
Es ist der Chateau L’Eglise 2016 aus dem Bordeaux in Frankreich.

Wann und bei welcher Gelegenheit hast du diesen Rotwein für dich entdeckt?
Jessica Dorndorf:
Ich war mal wieder unterwegs als „Jessica Dorndorf hilft!“ Der Künstler Hans-Jürgen Wille schenkte den Wein in seinem Atelier in Bochum aus. Ich war hin und weg – und bin es bis heute.

Warum ist das dein Lieblingswein?
Jessica Dorndorf: Zum einen ist er sehr ölig, so fühlt sich das für mich an im Mund. Sehr angenehm. Zum anderen riecht er wunderbar nach Fass, aber nicht vordergründig aufdringlich. Und er ist sehr, sehr trocken. Das mag ich.

Jessica Dorndorf.

Wie bist du auf den Wein gekommen?
Jessica Dorndorf:
Ich trinke seit Jahren gerne Wein. Früher aber nicht so spezifisch und bewusst wie andere Menschen. Bei Veranstaltungen wusste ich oft nicht, was ich da eigentlich im Glas habe. Hauptsache der Wein schmeckte. Seit gut eineinhalb Jahren ist das anders.

Wie kam’s?
Jessica Dorndorf: Ich bin ja mit „Jessica Dorndorf hilft“ bei vielen Events, wo auch Wein eingeschenkt wird. Bei diesen Gelegenheiten trinke ich übrigens nur Weißwein. Ich schaue inzwischen schon mal genauer hin, was da gereicht wird. Man wird ja älter…vielleicht hat es damit zu tun.

Lässt du dich dann auch auf Weine ein, die du noch gar nicht kennst?
Jessica Dorndorf: Sicher. Ich bin sehr experimentierfreudig und probiere aus. Es macht Spaß zu entdecken, wie unterschiedlich Weine schmecken können. Ich werde da allmählich ein kleiner Feinschmecker. Im Februar fliege ich wieder nach Lanzarote und freue mich, in den Bodegas Wein zu probieren.

Wein steht für Genuss, für Geselligkeit und Lebensfreude – passt das zu deinem Beruf als Bestatterin im alteingesessenen Familienunternehmen in Essen-Kray?
Jessica Dorndorf:
Ach, viele Menschen denken, dass Bestatter immer nur traurig sind. Das ist überhaupt nicht so. Nach einem langen Tag ein schönes Glas Rotwein am Abend – das ist doch wunderbar.

Hast du Angehörigen verstorbener Menschen schon mal einen Abschiedstrunk gereicht?
Jessica Dorndorf:
In der Seelsorge ist das schon mal passiert. Da reichte ich einen spanischen Wermut aus dem Holzfass. Zur Beruhigung.

Marcus Reckewitz empfiehlt Granaten im Glas

Beim „Wein des Monats“ nur einen einzigen Tropfen empfehlen? Das kommt bei Marcus Reckewitz nicht ins Glas… Der Autor und freie Lektor macht gerade mit seinem neuesten Buch „Über die Kunst der Trunkenheit“ Furore. Darin hält er ein leidenschaftliches „Plädoyer für den gepflegten Rausch“, mit einem spannenden Ausflug in die Geschichte des Trinkverhaltens der Menschen und das Händchen für Maß und Mitte.
Ich bin jetzt trunken vor Freude über meinen Gastautoren: Denn wenn jemand mit Sprachwitz, staubtrockenem Humor sowie leicht und beschwingt vermittelten Fachkenntnissen über die Welt der Weine schreiben kann, dann ist es für mich Marcus Reckewitz.  „….nicht der gespreizte Finger am Champagnerkelch und auch nicht der soziale Dünkel des weinlyrisch-ventilierenden Grand-Cru-Trinkers sind das Maß der Dinge“, schreibt er. Sondern ein gepflegter Rausch, Genuss und Geselligkeit mit Spaß im Glas. Und nicht zuletzt Qualität und die Wertschätzung dessen, was uns da weinselig betört.

Weinbegleiter Ruhr: Haben Sie einen Lieblingswein? Woher stammt er? Und wie haben Sie Ihn für sich entdeckt?

Marcus Reckewitz: Mit dem Lieblingswein, das ist ja so eine Sache: Denn wenn „Lieblingswein“ bedeutet, dass man solche Weine am liebsten und deshalb kaum noch was anderes trinkt (solche Weintrinker gibt es ja), dann hab ich keinen Lieblingswein. Das wäre mir zu einfältig. Und Wein ist ja doch eher vielfältig. Meine Devise lautet eher: Immer weiter schnüffeln, immer weiter schmatzen und immer neugierig bleiben für all die Weine, die man noch nicht kennt – oder die neuen Jahrgänge von den Weinen, die man kennt.
Aber es gibt durchaus ein paar Weine auf die ich gerne und immer wieder zurückgreife, weil ich da weiß, was ich im Glas habe. Das sind die Anker, die dabei helfen, im Meer der Möglichkeiten nicht abgetrieben zu werden.

Auf geht’s mit Weißweinen:

Da ist zum einen der Kaitui von Schneider aus der Pfalz, ein ungemein frischer, trocken-präsenter und ungemein fröhlicher Sauvignon Blanc, der stark an die neuseeländischen Sauvignon-Blancs erinnert. Deshalb heißt er wohl auch neuseeländisch Kaitui (=Schneider). Stachelbeeren, Maracuja, Grasnoten, Zitrone – es gibt kaum was Besseres, als diesen „Neuseeländer“ aus der Pfalz für ca. 12 € an einem warmen Sommernachmittag als kühlen Sundowner durch die Kehle gleiten zu lassen,
Auf die Weine von Markus Schneider bin ich vor vielen Jahren durch verschiedene Fachartikel gestoßen, als Schneider noch als einer der jungen Wilden galt. Wild ist er wohl immer noch, zählt mittlerweile aber eher zu den (auch nicht mehr ganz so jungen) Stars der Weinwelt.

Wat schön: Die Weine des Monats Oktober.

Wenn’s etwas weicher und galanter zugehen soll, vor allem, wenn meine Frau mit an Bord ist, dann greife ich neuerdings gerne auf die Chardonnay-Weißburgunder-Cuvee von Wageck-Pfaffmann (auch aus der Pfalz) zurück. Ein absoluter Gaumenschmeichler mit exotischen Aromen von Maracuja, Mango, Physalis, Papaya, Mandarine und Limette, die von einer eleganten Säure und von deutlich mineralischen Tönen klar konturiert und zusammengehalten werden. Für ca. 10 € ein schmelziger Wein mit Suchtfaktor – und ein echter Frauenversteher.
Auf diesen Wein hat mich vor einiger Zeit im Urlaub mein Weinhändler auf der Nordseeinsel Juist (Altmanns Getränke-Kontor) aufmerksam gemacht. Man sollte es kaum glauben, aber doch: Auch mitten in der Nordsee gibt es guten Wein!

Nun sehen wir rot mit Marcus Reckewitz:

Ohne Bordeaux geht es nicht. Mit roten Bordeaux hab ich vor über 30 Jahren angefangen, „Wein zu lernen“. Ich liebe vor allem Bordeaux, die einen deutlichen Cabernet-Sauvignon (CS)-Anteil haben. Und seit vielen Jahren liebe ich immer und immer wieder Chateau d’Aurilhac, einen Cru Bourgeois aus dem Haut-Medoc, der neben CS noch Merlot und Cabernet Franc und ein bisschen Petit Verdot im Glas vereint. Ein Weinhändler machte mich vor vielen Jahren auf diese Granate aufmerksam. Dichte dunkle Aromen von Brom- und Blaubeere, von Edelhölzern (Zedern?), auch Kaffee, Kakao und Leder. Am Gaumen ist er voll, aber nicht zu saftig und genial von Tanninen zusammengehalten – ein wunderbar ausbalancierter Wein. Für knapp 16-20 € (je nach Jahrgang) erhält man zum relativ kleinen Preis einen, wie ich finde, ziemlich großen Bordeaux.

Ein mir mittlerweile mindestens ebenso lieb gewordener roter Bruder kommt aus der direkten Nachbarschaft von d‘Aurilhac: Chateau Charmail , der neben CS und Cabernet Franc einen etwas höheren Merlot-Anteil aufweist. Ein extraktreicher Cru Bourgeois, der am Gaumen mit ungemein subtiler Eleganz daherkommt. Bordeaux-Papst Rene Gabriel ließ über den 2003er Jahrgang vernehmen: „Ein erotischer Wein zum Ausflippen…“ Recht hat er! Für rund 20 € bekommt man in der Tat eine ziemlich volle Ladung Bordeaux-Erotik!

Und zum Schluss was Süßes:

Ein Portwein, der sich nicht Portwein schimpfen lassen darf, weil er aus der Pfalz kommt und „Hensel und Gretel“ heißt und von Schneider (s. o.) und Hensel aufgelegt wird. Hab ich (fast) immer im Regal. Nach dem Essen ein Schluck – statt Dessert. Oder zum Dessert. Oder einfach mal so zwischendurch. Frucht, Frucht, Frucht, dunkelrot und süß und cremig und warm, obwohl er leicht gekühlt am besten schmeckt. Ist wie eine Schachtel Premium-Pralinen – einmal angefangen, kann man nicht aufhören…

Weitere Infos über Marcus Reckewitz und seine Bücher gibt es hier: http://www.reckewitz.de/autor/kulinaria. Sehr zu empfehlen ist sein Dauerbrenner „Populäre Weinirrtümer“.