Süßwein beißt dir nicht ins Ohr

Volle Kanne: Sebastian Real teilt aus.

Ein Ex-Profi-Boxer schult zum Hufschmied um und hat ein Faible für Süßwein. Als ich Sebastian Real in diesem Jahr bei einer Weinprobe kennenlernte, war ich von diesem Lebens-Lauf schwer beeindruckt. Der 36-Jährige lebt in Lemgo, ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.
Schon als Jugendlicher stand Sebastian im Ring. Später war er bei den Profis Internationaler Deutscher Meister, boxte im Halbschwergewicht, so wie einst auch Graciano Rocchigiani, Henry Maske und Dariusz Michalczewski.

Luft und Liebe

„Als sich Fernseh-Sender und Sponsoren vom Boxen abwandten, hörte ich 2017 als Profi mit sehr, sehr viel Wehmut auf“, erinnert sich Sebastian Real. „Ich war ja mit Herzblut dabei. Aber von Luft und Liebe kann man ja leider nicht leben.“
Durch Kontakte lernte er einen Hufschmied kennen. Er hatte bis dahin rein gar nichts mit Pferden zu tun, schaute sich das an und fuhr mit dem Schmied zu Höfen. Mit nachhaltigem Eindruck.
Denn dann begann der Sportsmann mit 34 Jahren eine Lehre. „Klar spielte mein Alter da keine Rolle. Ich wurde behandelt wie ein kleiner Junge, aber da musst du durch.“
Der aus Belgien stammende Hufschmied Glen Pinxteren zählte zu Sebastians Ausbildern. Seit dem Frühjahr 2020 sind die beiden Geschäftspartner und erfolgreich als Hufschmiede unterwegs.
Ein neuer Lebensabschnitt begann. In dem der Genuss nicht k.o. geht. Ein Gespräch über Süßwein und andere Dinge des Lebens.

Weinbegleiter Ruhr: Du hast keinen speziellen Lieblingswein. Aber eine Wein-Stilistik gefällt dir besonders.
Sebastian Real:
Meine bevorzugten Weine sind lieblich. Ich mag Süßwein. Ob weiß oder rot, spielt dabei keine große Rolle. Wenn ich jedoch die Wahl habe, bin ich eher auf Rotwein getrimmt.

Warum hat es dir Süßwein angetan?
Sebastian Real: Weil er unglaublich aromatisch ist. Und mir kommt es so vor, als ob süße Weine Geselligkeit fördern. Es schmeckt mir besser, dadurch werde ich geselliger. Und wenn wir essen gehen, dann probiere ich gerne einen süßen Wein auf Empfehlung des Kellners aus.

Wie sind die Reaktionen im Restaurant?
Sebastian Real:
Manche sagen, dass man als Weintrinker eher kräftige, trockenen Weine zum Essen wählen sollte. Andere meinen, dass das heutzutage völlig normal ist. Wichtig sei, dass es einem selbst schmeckt.
Und, wie ich das bei dir auch gelernt habe: Wenn es für mich okay ist und mir mundet, dann ist es genau richtig.

„Wein ist für mich…“ Bitte ergänze den Satz mit 3 Begriffen/Erklärungen, die für dich ganz wesentlich sind.
Sebastian Real:
Genuss, Gemütlichkeit – und Geselligkeit auf jeden Fall.

Voll Genuss: Konstantina und Sebastian Real, Glen Pinxteren und Charline Dujardin (v.l.).

Wie bist du überhaupt auf den Wein gekommen?
Sebastian Real: Durch meine Frau Konstantina, sie hat griechische Wurzeln. Das war in unserem ersten gemeinsamen Urlaub in Griechenland. Ich durfte ihre Familie kennenlernen. Und am Abend wurde da eben Wein getrunken. Ich probierte einen griechischen Rotwein, ich weiß nicht mehr, wie der hieß. Auf jeden Fall war das ein lieblicher. Der hat mir sehr gut geschmeckt. Das waren meine ersten Erfahrungen mit Wein.
Ich war ja immer aktiv und stand unter Strom als Profi-Sportler. Und dann kam ich in Griechenland mit dem Ruhigen und Gelassenen im Leben in Berührung. Und eben mit Wein.

Da warst du also noch Boxer?
Sebastian Real:
Ja. Aber es war Urlaub.

Spielte Alkoholgenuss ansonsten in der Profi-Karriere eine Rolle?
Sebastian Real:
Es ist im Profi-Sport legitim, dass das jeder für sich entscheidet. Ich war durch und durch Profi, ich habe das gelebt und geliebt. Da war Alkohol ein No-Go. Ich habe völlig auf Alkohol verzichtet. Und inzwischen trinke ich nur Wein, gerne zum Essen oder wenn man in geselliger Runde zusammensitzt. Ich stelle fest: Je älter man wird, desto mehr steht man auf Genuss. Oder man kommt überhaupt erst einmal auf den Genuss.

Mit wem trinkst du am liebsten ein Glas Wein zusammen?
Sebastian Real:
Mit meiner Frau und mit guten Freunden.

Mit wem würdest du gerne einmal ein Glas Wein zusammen trinken?
Sebastian Real:
Mit meinem verstorbenen Vater. Er mochte schwere, trockene Rotweine. Ich hätte gerne noch so Vieles mit ihm besprochen. Er ist leider viel zu früh mit 63 Jahren an Krebs gestorben. Vor 6 Jahren, das ging ganz schnell.

Worüber würdest du gerne mit ihm reden?
Sebastian Real:
Über frühere Zeiten. Er hat unsere Hochzeit nicht mehr erlebt und auch nicht unsere Kinder. Es sind viele Sachen offen geblieben, über die ich gerne mit ihm reden würde.

Bei dieser Begegnung würde schwerer trockener Rotwein auf Süßwein treffen. Welchen Tropfen würdest du mit ihm trinken?
Sebastian Real:
(lächelnd, verschmitzt-versonnen) Das müsste ich mit ihm aushandeln.

 

Fotos: Sebastian Real, Susanne Storck
Aufmacher-Foto: Sebastian Real mit seiner Tochter Sophia

Griechischer Wein und Grauburgunder aus Baden

Wein aus Baden und griechischer Wein spielen beim „Wein des Monats“ die Hauptrolle. Vorgestellt von Ursula Kaiser. Bevor die 73-Jährige vor geraumer Zeit wieder in ihre Herzensstadt Köln zog, wohnten wir im selben Haus in Essen-Borbeck. Das war eine lustige Gemeinschaft mit einer Nachbarin, die immer ein offenes Ohr und eine offene Tür hatte. Die Frau mit Charme und Witz hat keinen speziellen Liebling im Glas, jedoch länderübergreifende Vorlieben. Und schon hab‘ ich Udo Jürgens Song im Ohr…. Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde….“

Weinbegleiter Ruhr: Wie heißt dein derzeitiger Lieblingswein, woher stammt er?
Ursula Kaiser:
Ich habe keinen speziellen. Es sind Weine aus der Rebsorte Grauburgunder – vorzugsweise aus der badischen Region. Da ich meine Ernährung umgestellt habe und mich überwiegend von Fisch, Salaten und Gemüse ernähre, passt dieser Wein sehr gut dazu.

Wann und bei welcher Gelegenheit hast du diesen Wein für dich entdeckt?
Ursula Kaiser:
Ich habe mich einfach durchprobiert und bin immer wieder beim Grauburgunder gelandet. Er hat einen besonderen Pfiff. Grauburgunder hat einfach Charakter, ist kräftig und mich spricht auch die meist schön goldige Farbe an. Außerdem ist er sehr bekömmlich: Ich kann auch mal 2 oder 3 Gläser trinken, ohne gleich ganz wacklig auf den Beinen zu werden.

Wie bist du überhaupt auf den Wein gekommen?
Ursula Kaiser:
Zum ersten Mal habe ich als Teenager probiert. Ein griechischer Wein  – der bekannte Mavrodaphne, ein Süßwein, 15 Volumenprozent Alkohol und wirklich sehr süß. Ich war nach einem halben Glas beschwipst und wollte nie wieder griechischen Wein trinken….

Foto: Mikki Lee

….was sich später wieder änderte.
Ursula Kaiser: Der griechische Mann einer Freundin brachte mal eine Flasche Rotwein mit, es war Boutaris Kava. Der war damals, etwa 1985, sehr hochpreisig und ich habe ihn genossen. Er gehört immer noch zu meinen Lieblingsweinen, wie viele andere Weine aus dem Hause Boutaris. Jannis Boutaris aus der Familie ist heute Oberbürgermeister von Thessaloniki und hat viel frischen Wind in die Stadt gebracht.

Du hast in Griechenland gelebt, wo genau und wann war das?
Ursula Kaiser: Ich habe von 2006 bis 2012 im Norden Griechenlands gewohnt in Litochoro am Fuße des höchsten Berges (Olymp) Griechenlands. Von meinem Balkon schaute ich nach links auf das Meer und nach rechts auf den Olymp, der bis in den Mai eine Schneekuppe hatte. Man sagt, dass dieser Ort das beste Klima von Griechenland hat.

 Die Griechen und der Wein:  Welche Rolle spielt Weingenuss im Alltag der Griechen? Oder ist der Wein eher etwas für besondere Gelegenheiten?
Ursula Kaiser: Früher galt, dass gute Weine unbedingt aus dem Süden kommen müssen – und dort gab es auch die größten Anbaugebiete (zum Beispiel das Weingut Achaia Clauss). Das ist überholt. Nord- und Mittelgriechenland galten als die Speisekammer Griechenlands und es wurde zum großen Teil Gemüse und Getreide angebaut.
Wein wird inzwischen auch im Norden Griechenlands immer öfter zum Essen getrunken. Früher trank man nur Wasser, als Aperitif vielleicht einen Ouzo und seit den 1960ern vermehrt Bier. Im Süden hat fast jede Familie einen kleinen Weinanbau und produziert ihren Jahresbedarf (1-2 Fässer). An Feiertagen darf der Wein aber auf keinen Fall auf dem Tisch fehlen.

Griechischer Wein – kannst du besondere empfehlen?
Ursula Kaiser: 
Einen Lieblingswein habe ich nicht, denn es gibt so unterschiedliche gute Weine aus verschiedenen Regionen Griechenlands, dass ich, je nachdem wo ich mich aufhalte, immer wieder regional Weine probiere. Das Weingut Hatzimichalis ist als Produzent hochwertiger Weine bekannt.
Die Weingüter Dimitris Hatzimichalis, Boutaris, Naoussa und Achaia Clauss sind Erzeuger, die schon lange auf dem Markt sind. In der letzten Zeit kommen aber immer öfter andere sehr gute Weine auf den Markt, die auch bei Verkostungen im Kölner Großmarkt bei Mare Atlantico angeboten werden. Fast jeden Samstag ist da eine Verkostung.