Afterwork: Feierabend mit feinen Weinen

Eine Afterwork-Verschnaufpause der besonderen Art  findet ab April jeden Monat in Oberhausen statt. Dozentin Lea Wassenberg (33), Polizist David Schweitzer (36) und Feuerwehrmann Marvin Graf (26) haben dazu einen Plan geschmiedet. Das Trio schenkt Weine aus von ambitionierten Winzern aus Deutschland. Dazu gibt’s thailändisches Fingerfood vom Food-Truck und Musik. Premiere ist am Mittwoch, 6. April, 17 Uhr, im Zentrum Altenberg an der Hansastraße in Oberhausen. Ein Interview über dieses Abenteuer im Glas mit Mit-Veranstalterin Lea Wassenberg;

Weinbegleiter Ruhr: Lea, was erwartet Besucher am 6.4. bei Afterwork mit Wein?
Lea Wassenberg: Als Oberhausener wollen wir in unserer Stadt ein Afterwork-Angebot schaffen. Das fehlt einfach. Zum einen lechzen wir durch Corona nach Nähe und Austausch mit Menschen außerhalb der eigenen Bubble. Zum anderen liegt uns das Thema Wein am Herzen. Das ist in den umliegenden Ruhrgebiets-Städten ja schon relativ gut verankert. Wir gehen zum Beispiel gerne in Duisburg ins „kalt.weiß.trocken.“, wo liebe Leute eine tolle Weinbar aufgezogen haben. Wir möchten mit anderen Menschen ein richtig gutes Glas Wein trinken, ein bisschen quatschen und in lockerer Atmosphäre einen schönen Abend verbringen.

Lea Wassenberg.

Ihr vermeidet ganz bewusst den Begriff Party.
Lea Wassenberg: Genau. Wir haben zwar tolle DJs dabei, die im Hintergrund für Musik sorgen. Es darf natürlich auch schon mal ‘ne Hüfte geschwungen werden. Aber in erster Linie geht es ums gesellige Beisammensein und darum, dass der Feierabend wirklich wieder zum Feierabend wird.

Was ist das Besondere bei eurer Afterwork-Veranstaltung, was unterscheidet euch von anderen?
Lea Wassenberg: Es ist eine Pop-Up-Weinbar, wir belassen es nicht beim Weintrinken, sondern erzählen, wer und was dahinter steckt. Stichwort Regionalität, Stichwort Handwerk. Es geht eben auch um die Wertschätzung des Produkts. Das spielt in meiner Generation eine große Rolle. Wir wollen eine emotionale Verbindung zum Wein zaubern. Auf unserer Instagram-Seite werden wir jeden Winzer und jeden Wein vorstellen.

Welche Weine schaffen es bei euch ins Glas?
Lea Wassenberg: Wir schenken junge, frische, moderne Weine aus, viele von jungen Winzern ausschließlich aus Deutschland. Und natürlich auch von jung gebliebenen, die ihr Handwerk beherrschen und tolle Weine machen. Der persönliche Kontakt zu Winzern und Winzerinnen ist uns wichtig. Ich denke, dass junge Winzer in den vergangenen Jahren Wein für junge Menschen einfach zugänglicher gemacht haben.
Bei unserer ersten Veranstaltung dreht sich alles um Weißwein. Es kommt langsam Frühlings-Stimmung auf, die wollen wir mit viel Spaß begleiten. Es wird bei jeder Veranstaltung ein Wein-Special geben.

Afterwork mit Wein und Freunden

Bei der Premiere ist es der „III Freunde“-Perlwein. Da machen Winzerin Juliane Eller aus Rheinhessen, Moderator und Showmaster Joko Winterscheidt und Schauspieler Mathias Schweighöfer schon einige Jahrgänge lang ihr Ding. Sie sagen: ,Die besten Weine sind die, die wir mit Freunden trinken.‘ Mich beeindruckt seit Jahren, was Juliane Eller macht. Ich war dort und habe an einem Weinpicknick teilgenommen. Das “Drei Freunde“-Projekt passt zu uns. Wir sind mit unserer Afterwork-Veranstaltung auch drei Freunde geworden.

Werden Winzer bei der Premiere zu Gast sein?
Lea Wassenberg: Tatsächlich hat sich das Weingut Eric Grünewald von der Nahe angekündigt. Mein Geschäftspartner David Schweitzer sprach mit einer Kollegin über unser Projekt. Deren Schwägerin, gebürtig aus dem Ruhrgebiet, ist mit diesem Winzer verheiratet. Diese Verbindung finden wir super. Wir kannten das Weingut alle nicht, bekamen sofort eine Kiste mit Weinen zum Probieren geschickt. Ein Rosé, ein Rotwein und ein lieblicher Tropfen stehen nun auf der ersten Weinkarte. Wir hoffen, dass regelmäßig Winzer dabei sein werden, einfach, um das Ganze noch mehr erlebbar zu machen.

Ihr konntet das Zentrum Altenberg von eurer Idee begeistern.
Lea Wassenberg: Ja. Der Raum, den wir nutzen dürfen, heißt Schmiede. So lag der Name unserer Veranstaltung nahe – „Traubenschmiede“. Die Altenberger schenken Softdrinks und andere Getränke aus. Bei schönem Wetter werden wir auch den wunderschönen Innenhof nutzen.

Welche Zielgruppen wollt ihr erreichen?
Lea Wassenberg: Am liebsten einen ganz bunten Haufen. Jung und Alt, wir freuen uns über jeden Gast. Das können Arbeitskollegen sein, oder eine Mädelsrunde im Rentenalter und, und, und… Alle sind willkommen. Das macht ja auch den Charme einer solchen Veranstaltung aus. Der Spaß am Produkt verbindet.

Lea, du bist bei der Agentur für Arbeit Dozentin für interne Aus- und Weiterbildung. Und du arbeitest im Nebenjob in einem Jacques‘ Wein-Depot, wo wir uns kennengelernt haben. Das Dozieren über Wein, soll das ausgesperrt bleiben am Afterwork-Abend?
Lea Wassenberg: Ich sage mal, in Gesprächen darf sich natürlich auch ein Dozieren über Wein ergeben, aber das soll nicht im Mittelpunkt stehen.

Was hälst du von Menschen, die – gerne ungefragt – oberlehrerhaft ihr Weinwissen unters Volk bringen möchten. Also von Weinklugscheißern?
Lea Wassenberg: Also weinklugscheißen darf man natürlich. Das hat ja manchmal auch etwas Charmantes im Gespräch. Man darf aber genauso gut sagen, dass man gar keine Ahnung von Wein hat und dass einem egal ist. Ich finde, so lange jeder willkommen ist am Tisch, ist alles gut. Wir wollen aber keine Wissenschaft daraus machen. David, Marvin und ich kommen ja auch aus völlig anderen Berufen. Das ist nicht unsere Profession, das ist unser Hobby. Es geht sowieso immer um ,schmeckt mir oder schmeckt mir nicht‘. Ich könnte den Leuten etwas vom Pferd erzählen und bekomme dann vielleicht zu hören: ,Ja, Lea, da haste ja eine schöne Weinkarte zusammengestellt, aber der Sauvignon Blanc geht ja wohl gar nicht…‘ Das werde ich dann akzeptieren, auch wenn ich von dem Sauvignon überzeugt bin (lacht…) Der andere findet dann eben einen anderen Wein, der ihn begeistert. Und darum geht es ja.

Zum Ende unseres Gesprächs bitte ich dich, folgenden Satz zu beenden mit Begriffen, die dir wichtig sind. „Wein ist für mich…
Lea Wassenberg: …Geselligkeit, Genuss, Lebensfreude, Regionalität, Handwerk. Und Heimat.

Den Korken ziehen – und lächeln!

Den Korken ziehen – und sich dann auf das Überraschungspaket aus der Flasche freuen. Das ist die Passion von Ornett Ragoschat. Diese Leidenschaft lebt die IHK-geprüfte Sommelière seit Ende 2016 als „Die Korkenzieherin“ im eigenen, gleichnamigen Weinfachgeschäft im Herzen von Erfurt. Die gebürtige Thüringerin stellt ihren „Wein des Monats“ Dezember vor. Lassen wir uns von ihrer Begeisterung für Wein und von ihrem Wortwitz verzaubern. Und von ihrer Gabe, Gerüche in Worte und Bilder zu fassen, die jeder Mensch versteht.

Weinbegleiter Ruhr: Wie heißt dein derzeitiger Lieblingswein, woher stammt er?
Ornett Ragoschat: 
Das ist der Riesling „7 Terroirs“ von Gut Hermannsberg von der Nahe.

Wann und bei welcher Gelegenheit hast du diesen Wein entdeckt?
Ornett Ragoschat: 
Das ist kurios. Viele Winzer, die unverwechselbar und auch teilweise sehr bekannt sind, kamen bisher zu mir in den Weinladen. Ich habe das große Glück, dass alle coolen Leute selber mal hier waren oder es kamen Empfehlungen über 3 Ecken. Die lassen Probeflaschen da und wir reden kurz über die Weine. Da muss natürlich der Funke überspringen und eine Sympathie da sein.

Warum ist das dein Lieblingswein?
Ornett Ragoschat:
Das Spannende bei Gut Hermannsberg war für mich: Ich hatte Riesling von der Nahe bis dato noch nicht probiert. Das hat mich interessiert. Noch dazu von einem  VDP-Weingut. Bei diesem Wein sind sieben Große Lage(n) in einer Flasche vereint. Und: Ich mag sehr mineralische Weine. Dieser Riesling kommt frisch und forsch daher. Er bietet ganz viel zum Nachdenken. Der langweilt dich nicht, ist aktiv. Er ist was Besonderes im Mund.

Weinfachgeschäft „Die Korkenzieherin“.

Du bist „Die Korkenzieherin“. Aus welchen Flaschen ziehst du die Korken? Wie setzt sich dein Sortiment zusammen?
Ornett Ragoschat:
Eigentlich ein bisschen nach mir. Ich möchte immer wieder neue Weine kennenlernen. Obwohl ich bestimmt 5 Lieblinge habe, die im Sortiment bleiben. Die laufen gut. Aber ansonsten sorge ich für Bewegung im Weinregal. Und damit auch im Gehirn und im Anspruch an mich selbst.
Zur Hälfte sind meine Weine aus Deutschland, wir leben ja schließlich hier. Ich habe selten die neue Welt im Sortiment, sonst neben Deutschland die klassischen Weinländer Italien, Spanien, Portugal, Österreich, Frankreich.

Was hält „Die Korkenzieherin“ von Schraubverschlüssen?
Ornett Ragoschat: Das sehe ich ganz pragmatisch, das ist eine saubere Angelegenheit. Das Gefühl für den Wein und das ganze Drumherum geht zwar mit dem Schraubi ein bisschen flöten. Und wenn jemand einen Rotwein mit Schraubverschluss wünscht, gucke ich auch erst mal. Aber für knackig frische und belebende Weißweine ist das eine tolle Sache.

Auf deiner Internetseite wirbst du für „Beratung ohne großes Tamtam“? Was heißt das konkret?
Ornett Ragoschat:
Das hat mal jemand über mich in einer positiven Kritik bei Google geschrieben: ‚Die Korkenzieherin von der Langen Brücke, cooler Laden, ohne großes Tamtam , ohne Chichi.‘ Das fand ich cool. Denn genauso ist es auch. Ich will nicht mit tiefsinnigem Fachwissen punkten, sondern ich hole die Leute ab, wenn sie in den Weinladen kommen. Ich lasse mich darauf ein: Haben sie Zeit oder nicht? Sind sie fordernd? Sind sie zurückhaltend? Steht da ein Anfänger vor mir? Oder ist es ein Profi, son Möchtegern-Profi, weißte. Oder, oder, oder… Da gucke ich, stelle ein, zwei Fragen, und dann wird man sich schnell einig. Aber mehr so auf der persönlichen Ebene. Ich brauche schon ein, zwei Inspirationen. Man muss sein Wissen auch nicht einfach so rausschleudern. Damit muss man mit Bedacht umgehen. 

„Wein ist für mich ….“ – Bitte ergänze den Satz mit 3 Begriffen!
Ornett Ragoschat:
Eine Kostprobe von zuvor erworbenen Gerüchen in meiner Nase.

Immer der Nase nach – bist du so auf den Wein gekommen?
Ornett Ragoschat:
Eigentlich kommt man nur dazu, wenn man gerne riecht. Ich rieche total gerne, egal an was. Und ich verbinde mit Gerüchen auch viel Vergangenheit. Vielleicht schwelge ich so gerne in der Vergangenheit, weil alles so schön war. Bei Gerüchen bleiben ja nur die positiven Sachen im Gedächtnis. Schon als Kind zogen mich Gerüche an: Bei Oma roch’s immer ein bisschen nach feuchtem Schimmel, kombiniert mit Bäuerlichkeit. Und das Bett war ein bisschen klamm, aber dafür hattest du einen geilen Weichspüler. Oder wenn meine Mutter das Bett frisch bezogen hatte, dann habe ich mich da reingeschmust.

„Das riecht brackig mit ein bisschen Algen dran, wie an der Ostsee“

Aber du kannst Gerüche nur wiedererkennen, wenn du wirklich mal daran gerochen hast. Wenn du keine Lust dazu hast oder du bist ein empfindlicher Heini, dann wird das nichts. Wenn du alle Eindrücke kombinieren kannst und du hast Emotionen dabei, wenn du riechst, dann ist das ein super Beruf. Das habe ich für mich beim Wein entdeckt. Habe daran gerochen und dachte zum Beispiel: ‚Das riecht nach irgendwas Gebrauchtem. Oder nach Glühweingewürz. Oder nach was Brackigem mit ein bisschen Algen dran wie an der Ostsee.‘ Da kann man sich richtig lange aufhalten.

Hast du einen Lieblingsgeruch?
Ornett Ragoschat: Hm…. Frisches Gras mag ich, so ein bisschen mit Heu. Obwohl ich Heuschnupfen habe. Aber ich weiß, wie das früher immer so war im Heuschober: Frisches Heu, ein bisschen getrocknete Blüten mit drin. Oder wenn es geregnet hat, über einen Rasen laufen, mit so hohem Gras, das quietscht wenn man es zwischen die Daumen hält und reinpustet. Wenn man da durchläuft, das ist ein cooler Geruch.

Ornett Ragoschat und Stuart Pigott. Foto: privat

Mit wem trinkst du am liebsten ein Glas Wein zusammen?
Ornett Ragoschat:
Mit Menschen, die Zeit haben. Und die lächeln, wenn ein Wein geöffnet wird. Und genauso gespannt sind wie ich, was sich in der Flasche verbirgt. Das ist jedes Mal aufs Neue ein Überraschungspaket.

Mit wem würdest du gerne mal ein Glas Wein trinken? Und warum?
Ornett Ragoschat:
Stuart Pigott, er war ja mein Dozent an der Deutschen Wein- und Sommelierschule Berlin. Den habe ich auch bei der Weinverkostung von Gut Hermannsberg wiedergetroffen. (Wo der famose Weinkenner, Autor, Journalist seit März 2019 als „Riesling Ambassador“ tätig ist.) Aber einen Wein getrunken habe ich mit ihm noch nicht. Das könnte ich mir gut vorstellen. Cooler Typ. Enormes Wissen und viel Erfahrung, der kann das von der Pike auf. Der weiß viel zu erzählen.

Was wünscht du dir für 2020?
Ornett Ragoschat:
Ich wünsche mir jemanden wie mich, der hier als unterstützender Pol mit reinkommt. So ein Inspirations-Faktor. Dass mir jemand über den Weg läuft, der so tickt wie ich. Und dass wir uns dann zusammen im Weinfachgeschäft schön austoben können.

Fotos (3): Andreas Pöcking

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