Gemischter Satz – Zauberei aus der Flasche

Gemischter Satz, Grüner Veltliner, Roter Veltliner – Stephan Mehofer vom Neudeggerhof hat sie alle. Der Winzer aus dem Weinbaugebiet Wagram in Niederösterreich verzaubert uns auch mit diesen Weinen. Bei einer Verkostung, zu der kürzlich die Mülheimer Weinhändlerin Margarete Eckhardt in Ricks Café eingeladen hatte, lernte ich den Winzer und seine Schwester Judith Mehofer persönlich kennen. Sympathisch, mit Charme und Leidenschaft, warben sie für ihre Weine aus einer Region, in der tiefgründiger Lössboden den Charakter eines guten Tropfens prägt.
Familie Mehofer bewirtschaftet 25 Hektar Rebfläche, bereits seit 1992 sind sie Bio-zertifiziert.
Im Gespräch mit Stephan Mehofer:

Auf Bio-Weine spezialisiert: Weinhändlerin Margarete Eckhardt und Winzer Stephan Mehofer.

Weinbegleiter Ruhr:  Der Neudegger Hof existiert seit 300 Jahren, Sie verkörpern die zehnte Generation. Ist es bei einer solch langen Tradition quasi selbstverständlich, dass man als Sohn Winzer wird?
Stephan Mehofer: Selbstverständlich? (lacht) Ich weiß es nicht. Es war für jeden immer offen, was er machen möchte. Ich habe 4 Geschwister, ich bin der Dritte im Bunde. Normalerweise ist es eher untypisch, dass man als Dritt-Geborener den Betrieb übernimmt. Früher zumindest machte das der Älteste.
Tatsächlich ist es bei uns so, dass alle meine Geschwister mit Wein zu tun haben, meine Schwester arbeitet mit im Betrieb. Und ich führe ihn weiter.

Mussten Sie zu Ihrem Glück gezwungen werden?
Stefan Mehofer:
Naaa. Man wächst da natürlich hinein, keine Frage. Man macht es gerne, sonst würde man es nicht machen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz „Wein ist für mich…“ mit 3 Begriffen.
Stephan Mehofer: …ein Kulturgut. Ist Tradition. Ist Geschichte. Ist das Leben selbst. Damit meine ich gar nicht das Weingut an sich oder den Beruf.  (Pause.) Wein ist einfach das Leben selbst.

Meinen Sie damit Leidenschaft? Und sie gehen darin auf?
Stephan Mehofer: Genau. So ist es.

Sprechen wir über 2 ganz besondere Weine, die Sie produzieren. Zunächst über den herrlichen Gemischten Satz. Was ist das Besondere dieses Weines?
Stephan Mehofer: Er ist etwas urtypisch Österreichisches. Ganz früher standen die Rebsorten als solche nicht im Vordergrund. Also die Sorte war nicht relevant, sondern man hatte einen Garten, in dem Weißweine standen. Und es gibt in einem Weingarten immer wieder Rebstock-Ausfälle. Dann wurde nicht die gleiche Sorte nachgepflanzt, sondern einfach eine Sorte, die gerade vorhanden war. Und so ist allmählich eine Mixtur entstanden.

Stephan Mehofer und seine Schwester Judith Mehofer.

Was ist der Vorteil dieses Getümmels im Weingarten?
Stephan Mehofer: Sorten sind ja unterschiedlich anfällig für Pilzkrankheiten oder Frost; auch der Blüte-Verlauf ist unterschiedlich. Wenn ich viele verschiedene Sorten drin stehen habe, dann ist das Risiko eines großen Ausfalls quasi gleich null. Somit war das ursprünglich eine ertragssichere Anlage.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann bewusst mit den Sorte gearbeitet. Gemischter Satz ist ganz typisch für die Wiener Region. Wo der Name auch geschützt ist. Unsere Region Wagram ist nicht so weit weg von Wien. Man kann es fast gleich sehen von der Anbautechnik her.

Ihr Gemischter Satz enthält 8 Rebsorten…
Stephan Mehofer: …und nach oben gibt es keine Begrenzung.

Wie ist das Verhältnis der einzelnen Rebsorten?
Stephan Mehofer: Es entsteht ganz natürlich. Bei uns ist ein Muskateller drin und auch ein Müller-Thurgau. Müller-Thurgau ist eine sehr frühreife Sorte, Muskateller sehr, sehr spätreif. Das Interessante ist einfach die Kombination. Ich habe einerseits die hohe Reife bestimmter Trauben, andererseits habe ich Sorten dabei, die die Säure-Struktur bringen. Gemischter Satz ist ein Mix aus verschiedenen Reife-Stadien. Und natürlich ist der Ertrag auch immer unterschiedlich. In dem einen Jahr hat zum Beispiel der Muskateller viel Ertrag, in einem anderen, wo die Witterung für die Blüten-anfällige Sorte nicht 100-prozentig passt, relativ wenig. Das heißt, die Zusammensetzung eines Gemischten Satzes kann von Jahr zu Jahr total unterschiedlich sein. Ich kann die Anteile nicht in Prozent ausdrücken, weil alles gemeinsam gelesen wird.

Und gemeinsam verarbeitet…
Stephan Mehofer: …genau. Das Wichtigste ist das gemeinsame Lesen. Das ist das Typische.
Bei einer Cuvée ist das ja ganz anders. Da habe ich zum Beispiel Grünen Veltliner und Riesling, beide werden separat vergoren und dann kann ich die Anteile ganz genau festlegen.

Weinlese im Wagram. Foto: Weingut Mehofer – Neudeggerhof

Gemischter Satz klingt ein bisschen nach hoher Kunst aus dem Zauber-Weinberg.
Stephan Mehofer: Der Mix macht’s. Der Lesezeitpunkt ist das Schwierige. Gerade in den Jahren 2018 und 2019, wo es sehr heiß war, darf man bei Weißweinen nicht zu lange warten. Sonst geht der Zucker zu Lasten der Säure in die Höhe. Ich habe dann zwar eine enorme Reife und später viel Alkohol drin, aber wenig Säure. Dann fehlt Spritzigkeit. Inzwischen muss man schauen, dass die Weißwein-Lese nicht zu spät beginnt, sondern möglichst früh. Früher war das umgekehrt.

In diesem Jahr haben wir in der ersten Septemberwoche mit der Lese begonnen, was für unser Gebiet eigentlich untypisch ist. Normalerweise beginnen wir 2 Wochen später. Das ist ein Trend. Entscheidend ist immer der Blüte-Verlauf. Wenn die Blüte-Phase früher abgeschlossen ist, habe ich eine längere Vegetationsperiode. Die Trauben können besser ausreifen. In den vergangenen 20 Jahren erlebten wir eine extreme Entwicklung, der Blüte-Zeitpunkt war immer früher. Unterm Strich bedeutet das: Die Lese beginnt immer früher.

Kommen wir zu einer Rarität, zum Roten Veltliner. Ihr 2018er Klassik duftet nach Orangen und saftigen, reifen Birnen. Am Gaumen wirkt er für mich persönlich wie ein geschmeidiges Kraftpaket. Herrlicher Kontrast. Nicht mal ein Prozent der Gesamtrebfläche in Österreich ist mit Rotem Veltliner bestockt, davon sind 80 Prozent im Wagram. Wie kommt das? 

Stephan Mehofer: Die Problematik ist ein bissel im Weingarten draußen. Roter Veltliner hat große, kompakte, dichte Trauben. Es sind viele Beeren auf der Traube. Wenn es viel Niederschlag gibt, nehmen die Beeren viel Wasser auf und drücken sich gegenseitig auf. Wenn das geschieht, tritt Zucker aus der Traube aus. Sie wird sofort anfällig für Fäulnis.

„Roter Veltliner ist im Wagram ein Muss“

Und: Der Rote Veltliner hat kein aufrechtes Wachstum, alles wächst Richtung Erde. Im Sommer ist enorm viel Laubarbeit notwendig. Grüner Veltliner ist im Vergleich relativ einfach und unkompliziert. Und ich glaube, deshalb hat er im Laufe der Zeit den Roten Veltliner abgelöst.

Roter Veltliner. Foto: Weingut Mehofer – Neudeggerhof

Meine Großmutter hat mir erzählt, dass es früher bei uns fast nur den Roten Veltliner gegeben hat. In Aufzeichnungen heißt es, dass die Rebsorte in Niederösterreich vor 100 Jahren die Haupt-Rebsorte gewesen sein soll. In unserem Betrieb hat es ihn schon immer gegeben. Wir haben inzwischen 3 verschiedene Rote Veltliner im Programm. Und viele Winzer in der Region wenden sich ihm auch wieder zu. Speziell im Wagram ist er eigentlich ein Muss, ganz typisch für die Region.

Lieber Herr Mehofer, womit stoßen Sie Silvester an?
Stephan Mehofer: Ich glaube, fast immer, mit unserem eigenen Sekt. Das ist eine Cuvée aus Welschriesling, der nichts mit dem Riesling zu tun hat, und Rotem Veltliner. Warum Welschriesling? Das ist eine eher später reifende Sorte. Er bringt eine schöne Säurestruktur mit, was der Rote Veltliner nicht so hat. Das passt sehr gut für Sekt.

Na dann: An guat’n Weg.  Auf das Leben! 

Neugierig geworden? Weine von Stephan Mehofer vom Neudeggerhof können Sie mit mir probieren. Hier geht’s zum Kontakt und Termin.

Aufmacherfoto: Stephan Mehofer und seine Frau Kathi mit Sohn Simon. Foto: Weingut Mehofer – Neudeggerhof

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